Nicht nur von Motten, die das Licht umschwärmen
Für zahlreiche Insekten, Vögel, Amphibien, Reptilien, Fische, Krebse, Säugetiere und Pflanzen gibt es bereits wissenschaftliche Nachweise über ihre Beeinflussung durch künstliches Licht. Die Auswirkung auf Organismen hängt vor allem vom Streulicht, von der Beleuchtungsintensität und der spektralen Zusammensetzung des Lichts ab.
Ein Problem mit nächtlicher Illumination haben tagaktive Tiere, die in ihrer Ruhephase gestört werden, aber auch nachtaktive Tiere, welche aufgrund ihrer spezifischen Anpassung von der Dunkelheit abhängig sind. Rund 30 Prozent aller Wirbeltiere und mehr als 60 Prozent aller Wirbellosen sind nachtaktiv (Hölker et al. in Leibniz-Gemeinschaft, 2009).
Mögliche Beeinträchtigungen der Tierarten sind:
- Blendung und Desorientierung
- Gestörte bzw. eingeschränkte Futtersuche
- Veränderte Räuber-Beute-Beziehung
- Gestörte soziale Interaktion (Entwicklung und Fortpflanzung)
- Eingeschränkter Aktionsradius (Barrierewirkung, Vertreibung)
- Gestörte Ruhephasen
Diese Auswirkungen können zu einer sukzessiven Artenverschiebung innerhalb von Lebensgemeinschaften führen. Bei bedrohten Arten muss das Aussterben von kleinen, isolierten Populationen befürchtet werden (Hotz & Bontadina, 2007).
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Nachtaktive Insekten
Nachtaktive Insekten orientieren sich am Licht der Himmelskörper. In Untersuchungen wurde festgestellt, dass die Wahrnehmungsfähigkeit von Nachtfaltern vom kurzwelligen Ultraviolett- bis in den Infrarotbereich reicht. Die maximale Empfindlichkeit wird bei einer Wellenlänge von 410 Nanometern, im violetten Bereich des Spektrums angenommen (Schanowski & Späth, 1994).
Durch künstliche Lichtquellen werden nachtaktive Insekten geblendet und in ihrer Orientierung fehlgeleitet; bei klarem Wetter aus einer Distanz von bis zu 700 Metern. Sie fliegen zwanghaft Leuchtkörper an, bis sie vor Erschöpfung verenden oder verbrennen. Auf diese Art und Weise werden Milliarden von Insekten ihrem Lebensraum "entzogen", unter ihnen auch einige bedrohte und gefährdete Arten.
Mehr zu Anlockwirkung verschiedener Leuchtmittel auf Insekten unter Projekte >>
Nachtfalter gehören zu den Schmetterlingen, sie sind eine gut untersuchte Insektengruppe und häufig an spezifische Lebensräume angepasst. mehr >> |
PDF (Buglife, A Review of the Impact of Artificial Light on Invertebrates)
Zugvögel
Etwa zwei Drittel der Zugvögel wandern in der Nacht. "Für Vögel ist der Sternenhimmel neben dem Erdmagnetfeld eine Art Kompass", so Mag. Gerald Pfiffinger, Geschäftsführer von Bird Life Österreich.
Vor allem bei Schlechtwetter verringern sich Flughöhen und starke, punktuelle Lichtquellen oder große beleuchtete Areale können zur Desorientierung der Vögel führen. Sie gehen nach stundenlangen Irrflügen entweder an Erschöpfung und Stress zu Grunde oder durch die direkte Kollision mit beleuchteten Objekten (Hotz & Bontadina, 2007). Beispiele aus vielen Ländern belegen den Tod von tausenden Zugvögeln zur Hauptzugzeit August bis November und März bis Mai.
Mehr zu ornithologischen Beobachtungen des beleuchteten Post Towers in Bonn unter Heller Wahnsinn >>
Fledermäuse
Durch beleuchtete Ausflugsöffnungen beispielsweise von Dachstühlen fliegen Fledermäuse später aus den Sommerquartieren aus. Dadurch verringert sich die aktive Zeit der Nahrungssuche.
Auch sind Fälle bekannt, in welchen Fledermausquartiere nach der Beleuchtungsinstallation verlassen wurden oder Lichteinsatz bei einem Stadtfest zu erhöhter Nachwuchssterblichkeit führte (Hotz & Bontadina, 2007).
Amphibien
Bei Beleuchtung erscheinen manche Amphibien später aus ihrem Versteck und haben dadurch weniger Zeit für die Nahrungssuche. Auch wird vermutet, dass Wanderungen beispielsweise zu Laichgebieten erschwert oder verhindert werden.
Sobald sich die Augen der Amphibien an nächtliches Licht gewöhnt haben, werden die Tiere davon angezogen. Die Beutejagd ist dann sogar einfacher, allerdings laufen Amphibien Gefahr, selbst einfache Beute zu werden.
Manche Froscharten paaren sich nur bei sehr geringer Lichtintensität oder rufen bei Beleuchtung nicht, damit gefährdet Kunstlicht ihre Fortpflanzung (Hotz & Bontadina, 2007).
Meeresschildkröten
Künstliche Lichtquellen in der Nähe von Stränden können insbesondere frisch geschlüpfte Meeresschildkröten in die Irre leiten.
Sie schlüpfen aus ihren Eiern in der Nacht, wenn die Temperaturen niedriger sind. An der Sandoberfläche angekommen, müssen sie ihren Weg direkt ins Meer finden. Dazu nehmen sie Lichtreize aus der Umgebung wahr. Jungtiere bewegen sich dem helleren, tiefer gelegenen Meer zu, in dem sich Himmelskörper reflektieren. Leuchten an der Küste Außen- und Innenbereiche von Hotels, Wohnanlagen und Straßenlampen können sich Jungtiere nicht mehr orientieren oder bewegen sich landeinwärts, wo sie von Kraftfahrzeugen überfahren werden oder an Erschöpfung verenden (Borgwardt & Tucker in Posch, Freyhoff & Uhlmann, 2010).
Wildtiere
Mit beleuchteten Schipisten und Rodelbahnen geht die Lebensraum zerschneidende Wirkung sowie Beunruhigung lokaler Wildbestände einher. Den Tieren stehen die offenen Randbereiche der Schipisten als Äsungsflächen nicht mehr zur Verfügung und so wandern sie zur Nahrungsaufnahme in nahegelegene, ungestörte Waldbereiche ab, wo erhöhte Schälschäden beobachtet wurden.
Pflanzen
Fotorezeptoren steuern bei Pflanzen neben dem jahreszeitlichen Rhythmus auch die Atmungsaktivität. Versuche zeigen, dass im Dauerlicht das Fotosynthesevermögen mancher Arten erlahmt. Auch kann Störlicht in der Mitte der Dunkelphase die Blütenbildung verhindern, bei manchen Pflanzen hingegen wird diese angeregt (Hotz & Bontadina, 2007).
Vielfache Beobachtungen zeigen, dass Laubbäume in unmittelbarer Nähe von Straßenlampen ihre Blätter verspätet verlieren, wodurch es wiederum zu Frostschäden kommen kann (Wikipedia, 2010).
Naturhaushalt
Alle Pflanzen und Tiere sind Teil des ökologischen Netzes. Fällt eine Art aus, können gravierende Auswirkungen für weitere Arten und das gesamte Ökosystem die Folge sein.
Werden beispielsweise nachtaktive Schmetterlinge Opfer von Straßenlaternen, so können sie Vögeln, Fledermäusen oder Fröschen nicht mehr als Nahrung dienen. Einige Blütenpflanzen wie die Türkenbund-Lilie oder die Weiße Waldhyazinthe werden vor allem durch Nachtfalter bestäubt. Das Verschwinden der Tiere würde gleichzeitig das Verschwinden ihrer Nektarpflanzen bedeuten.
Wer profitiert?
Manche Fledermausarten wie beispielsweise die Zwergfledermaus können beim Jagen von nachtaktiven Insekten im Schein von Straßenlaternen beobachtet werden. Mit Fledermausschutz hat die Beleuchtung dennoch nichts zu tun, zumal viele Fledermausarten Licht meiden. Die Dichte des Futters wird zum Leid der Insekten erhöht, doch mehr würden sich Fledermäuse über den Erhalt von Sommer- und Winterquartieren sowie Lebensraumaufwertungen freuen.
So manche Spinnenart, wie beispielsweise die Brückenkreuzspinne baut ihr Netz bevorzugt an Außenbeleuchtung, um desorientierte und erschöpfte Insekten zu erbeuten. Auch Geckos und Gottesanbeterinnen werden zur Nahrungsaufnahme an Lampen gesichtet (Hölker et al. in Leibniz-Gemeinschaft, 2009).
In New York haben sich einige Wanderfalken auf die Jagd von desorientieren, im hellen Schein der Wolkenkratzer kreisenden Vögel spezialisiert. Sie haben offensichtlich gelernt, das Licht, das anderen Arten zum Verhängnis wird, zum eigenen Vorteil zu nutzen (Hüppop in Posch, Freyhoff & Uhlmann, 2010).








